Das Drivechain-Drama – ein Sturm im Wasserglas
Wie eine Idee, deren Zeit längst vergangen ist, die Bitcoin-Szene aufwühlt – und worum es dabei wirklich geht.
Wäre Paul Sztorc anwesend gewesen, als der weise Heraklit sagte, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen, hätte er wohl vehement widersprochen. Und wie man kann! Der Entwickler hüpft seit Jahren in den selben Fluss. Schon 2015, als die Bitcoin-Szene noch darüber stritt, ob man die Blocksize erhöhen soll oder nicht, war er da und warb für sein Konzept der Drivechains.
Heute, im Jahr 2023, redet keiner mehr über die Blocksize, aber überraschenderweise redet jeder wieder über Drivechains. Denn Paul gelang es, nach vielen Jahren des Werbens, im August eine BIP-Nummer zu bekommen. Genauer gesagt zwei Nummern: BIP-300 und BIP-301. Damit sind die Voraussetzungen erfüllt, um es in den Bitcoin-Code zu bringen – wenn denn die anderen Entwickler dem BIP grünes Licht geben. Womit die Probleme erst beginnen.
Drivechains, tönte Pauls Unternehmen LayerTwo Labs im Juli, „kann alle Krypto- und Fiattransaktionen eliminieren, so dass nur noch Bitcoin da ist.“ Ein großes Versprechen, mit dem der Entwickler aber weniger an positive Ziele andockt, sondern an die weitverbreitete Missgunst gegen andere Kryptowährungen. Es geht weniger darum, etwas neues in die Welt zu bringen, sondern den anderen etwas wegzunehmen!
Wie Liquid, aber mit 2-Wege-Peg
Drivechains sind Sidechains, so wie Liquid oder RSK, mit dem einen, in den Augen von Paul und seinen Mitstreitern entscheidenden Unterschied: Es gibt ein “Zwei-Wege-Peg”. Man kann Bitcoins unmittelbar auf die Sidechain bringen oder von ihr abbuchen, und beides wird durch den Konsens der Miner bestätigt.
Bestehende Sidechains wie Liquid, RSK, Stacks oder, indirekt, WBTC oder iBTC, benötigen Mittelsmänner – oder Konsortien von Mittelsmännern – die den Wechsel der Bitcoin von der Mainchain auf die Sidechain organisieren. Dieser Prozess ist teilweise umständlich, vor allem aber schmutzig in den Augen vieler Bitcoiner, da er nicht ihren Ansprüchen an Dezentralität gerecht wird.
Bei Drivechains hingegen führen die Miner die Sidechains parallel und pressen eine Art Exzerpt davon alle paar Monate in die Blockchain, wofür sie einen bisher ungenutzten OP_Code verwenden. Dieses Exzerpt können auch Full Nodes verifizieren, während sie die eigentliche Drivechain getrost ignorieren können. User benötigen also keine Mittelsmänner, sondern nur ein bisschen Geduld, bis die Miner ihre Arbeit gemacht haben.
Das Sidechain-Konzept gilt technisch als brillant. Es erlaubt es, beliebige Sidechains an Bitcoin anzuhängen, ohne die Sicherheits- und Vertrauenskonzepte von Bitcoin deutlich zu verändern. Nebenbei eröffnet es den Minern neue Einkommensoptionen, die mit dem Schwinden des Block Rewards notwendig werden.
Der Altcoin-Schnitter, nach dem sich die Bitcoin-Seele sehnt
Um Sidechains zu aktivieren braucht es jedoch, und das ist das Leid von Paul Sztorc, eine Softfork, die einige neue Regeln einführt. Allein dies macht die Änderung schon kontrovers. Eine Softfork ist ein massiver Eingriff in den Konsens, der, wie man von der Kombination von SegWit und Taproot weiß, unerwünschte Nebenwirkungen haben kann.
BIP-300 und BIP-301 greifen in die Ökonomie des Minings ein. Schaffen sie neue, toxische Anreize? Können Miner die Bitcoins auf der Drivechain stehlen? Solche Fragen werden in jedem Detail diskutiert, Schwachstellen zum Großproblem aufgeblasen, Änderungen verlangt, und alle vorstellbaren Alternativen ausgemalt.
Aber es geht um so vieles – nicht nur für Paul Sztorc und sein Unternehmen, sondern für Bitcoin als Ganzes. Hört man sich die Debatte derzeit an, könnte man meinen, es gehe um Sein oder Nicht-Sein. So schreibt etwa das Bitcoin Magazine, Drivechains würden „jeden nützlichen Altcoin in eine Sidechain konvertieren, die dem eigentlichen Altcoins durchweg überlegen ist, was schlussendlich dazu führt, dass Bitcoin die Marktanteile der Altcoins absorbiert.“
Alles, was an Blockchains jemals nützlich war, wird zur Drivechain: Eine Smart-Contract-Drivechain, die Ethereum den Wind aus den Segeln nimmt, eine Privacy-Drivechain, die Monero die Butter vom Brot nimmt und so weiter!
Für die Bitcoin-Seele wäre dies die perfekte Vergeltung. Bitcoiner mussten miterleben, wie Ethereum und andere Altcoins immer weiter Marktanteile von Bitcoin weggefressen haben. Sie mussten zuschauen, wie eine Horde experimentierfreudiger Entwickler die verrücktesten Anwendungen auf andere Blockchains brachten, wie sich das Darknet mehr und mehr für den Privacycoin Monero begeisterte, Lightning nicht so richtig als Zahlungsmittel starten wollte, und die Liquid-Sidechain verkümmerte, während um Etheruem herum Sidechains und Rollups aufblühen.
Zeit, dass Bitcoin zurückschlägt und das verlorene Territorium wieder nach Hause holt.
Das große Problem von Drivechains
Womit wir beim größten Problem der Drivechains wären. Dieses besteht nicht aus technischen Details oder Sicherheitsrisiken für Bitcoin, die diskutiert und zum Teil auch kritisiert werden. Das größte Problem der Drivechains sind absurd überzogene Erwartungen, die als Hopium noch zu freundlich beschrieben sind.
Bitcoin hat seit Jahren die Liquid-Sidechain, die eine besser Privatsphäre, Token und Swaps eingeführt hat. Bitcoin hat seit Jahren die Rootstock-Sidechain, die die virtuelle Maschine von Ethereum integriert und damit dezentrale Finanzen möglich macht. Bitcoin hat ferner Stacks, eine Art Sidechain – über den Terminus mag man hier streiten – die ebenfalls Smart Contracts wie Ethereum ermöglicht. Und mit Ordinals hat Bitcoin onchain eine neue Infrastruktur für Token und NFTs bekommen.
Doch es interessierte … fast niemanden. Die Idee, dass man die Erfindungen der Altcoins nur einige Jahre später zu Bitcoin bringen muss, damit alle User und Unternehmen überwechseln, entlarvte sich als Griff ins Klo. Wieder und wieder. Mit Liquid, mit Rootstock, mit Stacks, mit Ordinals. Keines dieser Projekte hat auch nur einem einzigen Altcoins mehr als eine Handvoll User gestohlen, und keines hat Altcoins auch nur irritiert.
Gegen wie viele Wände muss man noch rennen, bevor man merkt, dass es hier nicht weitergeht?
Wenn, wenn, wenn
Aber … könnte es sein, dass man es bisher schlicht nicht richtig gemacht hat? Liquid und Rootstock basieren zwar auf einer Multisig-Architektur, sind aber um Blockstream oder RSK herum zentralisiert. Stacks ist eher ein Altcoin als eine Sidechain – inklusive eines eigenen Tokens – und Ordinals haben eine eigenwillige Infrastruktur.
Wenn man einen Zwei-Wege-Peg einführt, wenn es richtig schön dezentral und sicher ist, wenn endlich das Design, das Paul Sztorc schon 2015 entworfen hat, zur Geltung kommt, wir Sidechains so machen, wie sie schon immer hätten sein sollen, dann …
… dann wird es weiterhin niemanden interessieren. Es ist ein kolossaler Irrtum, zu denken, die Sidechains seien gescheitert, weil sie nicht dezentral genug waren. Sie sind gescheitert, weil die Masse der Entwickler, User und Unternehmen, die an einer bestimmten Anwendung Interesse haben, längst mit anderen Blockchains arbeiten, und weil eine Sidechain – vor allem eine dezentrale! – viel umständlicher ist als eine native Blockchain. Selbst bei Ethereum-Sidechains wie Polygon, die ebenfalls ein Zwei-Wege-Peg haben, ziehen die User es vor, zentralisierte Bridges anstatt des dezentralen Pegs zu verwenden.
Die Massen- und Netzwerkeffekte sind längst woanders. Der Zug ist seit Jahren abgefahren, und er wird sicherlich nicht umkehren, um auf Drivechains aufzuspringen. Dass man in der Bitcoin-Szene darauf hofft, ist am allermeisten ein Ausdruck von Verzweiflung.