Sind 90 Prozent aller Stablecoin-Transaktionen nicht echt?

Der Kreditkartendienstleister VISA hat einige Statistiken zu Stablecoins wie USDT oder USDC veröffentlicht. In ihnen finden wir mehrere Überraschungen, von denen wir euch drei nicht vorenthalten wollen.

Wenn ihr euch selbst ein Bild von den Statistiken von VISA machen wollt, solltet ihr diese Webseite aufrufen. Sie sind informativ und zugänglich aufbereitet und damit eine gute Ergänzung zu anderen verfügbaren Statistiken.

Hier werden wir auf drei überraschende Erkenntnisse aus den Statistiken eingehen und diese mit skeptischem Blick einordnen und erklären.

1. Das bereinigte Volumen

Zusammen mit dem Blockchain-Analysten Allium Labs hat Visa eine Methodologie entwickelt, um das Volumen und die Anzahl der Stablecoin-Transaktionen zu bereinigen. Dieser Methode verdanken wir die Schlagzeilen, dass mehr als 90% des Stablecoin-Volumens ein „Fake“ seien. Kaum ein Krypto-Magazin hat sich diese Vorlage entgehen lassen, und wenn man die Charts anschaut, wirkt das auf den ersten Blick tatsächlich so.

Am 13. Mai beispielsweise gab es ein Volumen von insgesamt 74 Milliarden Dollar, von denen keine zehn Milliarden Dollar nach der Bereinigung übrig blieben. An vielen anderen Tagen sah es noch ungünstiger aus: Am 9. Mai beispielsweise blieben nach der Bereinigung von etwa 90 Milliarden Dollar nur noch 8 Milliarden Dollar übrig. Es scheint üblich zu sein, dass die Bereinigung etwa 90 Prozent des Volumens kappt.

Etwas besser sieht es hingegen bei der Anzahl von Transaktionen aus. Am 13. Mai blieben von etwa 11,1 Millionen Transaktionen noch 2,25 Millionen übrig. Hier scheint der Anteil der „Fake“-Transaktionen bei „lediglich“ 80 Prozent zu liegen. Dennoch verpasst auch diese Metrik der Erwartung, dass Stablecoins als Zahlungsmittel rasant wachsen, einen Dämpfer.

Zu recht? Um das zu prüfen, muss man sich die Methode genauer anschauen. Visa versucht, „potentielle Störungen“ zu entfernen, die von inorganischer Aktivität und anderen künstlichen Aufblähungspraktiken resultieren. Dazu filtert es zwei Werte heraus:

Erstens zählen nur die größten Stablecoin-Transfers in einer Transaktion. Das soll interne Transaktionen in manchen Smart-Contract-Operationen entfernen.

Zweitens filtert Visa „inorganische Nutzer“. Als solche zähl es Accounts, die in den letzten 30 Tagen in Stablecoins mindestens 1000 Transaktionen initiiert oder mehr als 10 Millionen Dollar überwiesen haben. Indem Visa diese wegschneidet, soll die Aktivität von Bots und automatische Transaktionen großer Entitäten wie zentralisierter Börsen aus den Charts fallen.

Visa versucht offenbar, mit diesem Filter nur die „organischen Nutzer“ zu identifizieren. Doch man kann diese Methode auch kritisieren. So beklagt etwa Austin Campbell, ehemals beim Stablecoin-Herausgeber Paxful, das Visa versuche, „eine Metrik zu finden für Krypto, die für sie aussieht wie P2P-Transaktionen oder die Zahlungen an kleine Händler.“ Daher entferne Visa den Großteil des Tradings, obwohl dies naturgemäß einen großen Einfluss in Krypto hat und keinesfalls „Fake“ ist. Wenn Visa zudem die massiven Transaktionen von zentralen Börsen ausklammert, dann entfernt es die Aktivitäten von Finanzdienstleistern – wie Visa selbst.

Anders gesagt: Der Kreditkartenanbieter würde wohl sich selbst aus dem Chart herausfiltern.

2. USDC mehr benutzt als USDT?

Die zweite Überraschung finden wir im Volumen: Laut den Charts von VISA hat USDC ein höheres Volumen als USDT (Tether).

Man sollte meinen, dass es klar anders ist. Die Marktkapitalisierung von USDT ist mit 110 Milliarden Dollar mehr als dreimal so groß ist wie USDC, das tägliche Handelsvolumen von Tether übertrifft mit 48 Milliarden Dollar das von USD Coin sogar beinahe um das Zehnfache. USDT ist klar der wichtigste und größte Stablecoin.

Dennoch zeigt der Chart von Visa – mit den bereinigten Transaktionen – dass USDC in den meisten Monaten seit Dezember 2023 mehr Transaktionen abwickelt. Beispielsweise stellte USDC im Dezember ’23 von 260 Millionen Transaktionen 145 Millionen. Seitdem bewegt sich der Anteil von USDC an allen Stablecoin-Transaktionen zwischen 50 und 60 Prozent.

Noch extremer wird es beim Volumen der Zahlungen. Hier kommt USDC seit Anfang 2024 für mehr als 50 Prozent auf, in manchen Monaten sogar 60 oder gar 70.

Sind die Tether-Dollar also ein Fake-Money, dessen Dominanz schwindet, sobald man die Charts bereinigt? Zum Teil kann man diese Überraschung durch die Methode der Bereinigung erklären: Indem Visa die großen Sender herausfiltert, filtert es vermutlich die Börsen heraus und damit die Institutionen, bei denen USDT in einem dramatisch höheren Volumen verwendet wird. Es ist klar, dass USDT unter der Bereinigung stärker leidet als USDC.

Allerdings darf man generelle Zweifel an der Aussagekraft dieser Statistik anmelden. Denn in einem anderen Chart zeigt Visa die Anzahl der monatlich aktiven Wallet-Adressen. Insgesamt sind je Monat 35 bis 48 Millionen Adressen aktiv. Davon entfallen 75 bis 80 Prozent auf USDT, manchmal sogar 90 Prozent.

Der verwirrende Befund ist also, dass USDT zwar bei der Geldmenge, dem Handelsvolumen auf Börsen und der Anzahl der aktiven Adressen weit voraus ist – aber USDC mehr Transaktionen und mehr Volumen stemmt. Lässt sich das anders als durch methodische Schwächen erklären?

3. Solana die wichtigste Blockchain für Stablecoins?

Eine dritte Überraschung schließlich sind die verwendeten Blockchains.

Ein Chart von Visa zeigt die Anzahl an Transaktionen in den letzten 30 Tagen sowie die durchschnittliche Verteilung ihrer Größen. Man sollte meinen, dass Ethereum, als Mutter der Stablecoins, hier vorne liegt.

Doch tatsächlich rangiert Ethereum mit knapp 10 Millionen Transaktionen je Monat eher auf einem hinteren Rang. Tron – wo vor allem die USDT fließen – steht mit 50 Millionen Transaktionen sehr viel höher, die Binance Smart Chain (BSC) noch etwas darüber, und Solana stellt mit 125 Millionen Transaktionen alle anderen Blockchains in den Schatten.

Man muss fairerweise einräumen, dass Ethereum zusammen mit den Rollups Arbitrum, Base und Optimism sowie der Sidechain Polygon auch auf etwa 40 bis 50 Millionen Transaktionen kommt. Damit liegt Ethereum im Bereich von Tron und BSC, womit sich vier maßgebliche Plattformen den Stablecoin-Kuchen teilen.

Ebenfalls einräumen muss man, dass das Volumen der Transaktionen nicht überall gleich ist. Auf Solana und der Binance Smart Chain stellen Kleintransaktionen unter 100 oder unter 1000 Dollar den absoluten Löwenanteil. Auf Ethereum und Tron scheinen größeren Transaktionen dagegen häufiger vorzukommen.

Nichtsdestotrotz zeigt dieser Chart eine deutliche Dezentralisierung der Stablecoin-Aktivität auf die verschiedenen Blockchains. Ethereum wurde von der dominanten Blockchain zu einer Nebenbaustelle reduziert, während Blockchains, die vor wenigen Jahren noch unbedeutend waren, wie Tron und Solana, Stablecoins wie ein Weltmeister überweisen.

Wenn man die aktiven Adressen je Monat anschaut, verschiebt sich das Bild wieder etwas. Wie zu erwarten, ist Tron dank der Nähe zu USDT mit 40 bis 50 Prozent absolut führend. Solana dagegen kollabiert auf weniger als 10 Prozent, während Ethereum mit seinen Sidechains und Rollups mehr als 20 Prozent ausmacht.

Wir haben also insgesamt ein etwas verwirrendes Bild. Visa gibt uns zwar einige interessante Puzzlestücke zur Nutzung von Stablecoins – aber auch Hinweise auf methodische Unzulänglichkeiten.

Quelle: bitcoin.de